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Eisen brennt: Raddes Fluchtroute

Nach der Erinnerung von Karl Radde (*1934, damals 10 Jahre alt)

Fluchtweg vom 2.3.1945 bis 10.3.1945, Rückweg vom 11.3.1945 bis 16.3.1945

Die täglich bewältige Strecke betrug etwa 15 bis höchstens 20 km. Es gab keinerlei Verkehrsschilder, -zeichen oder Ortsschilder, die schon im Herbst von der Wehrmacht abgenommen worden waren, um Spionen und Deserteuren keine Orientierung zu ermöglichen. Nur unsere Oma sagte uns immer, was das für ein Dorf ist, sie kannte buchstäblich jedes Dorf und jeden Weg. Im Schloß Mickrow war sie als junges Mädchen mal bei den Adligen angestellt, daher.

Die Trecks wurden von Wehrmacht oder SS dirigiert. Es durften keine Hauptstraßen befahren werden, die ausschließlich für die Bewegungen der Wehrmachtsfahrzeuge vorbehalten waren. Die Hauptstraßen lagen immer im Beschuß der russischen Tiefflieger die speziell auch Flüchtlingswagen angriffen (da sie von dort kein Abwehrfeuer erhielten und die zusammengeschossenen Flüchtlingswagen bildeten auf den engen Straßen geradezu ideale Panzersperren, so daß die Wehrmachtsfahrzeuge nicht mehr durchkamen.

Als wir dennoch einmal die jetzige E28 von Karlshöhe bis vor Lauenburg (am 8. März) benutzen mußten, bot sich uns ein erschreckendes Bild, und wir wussten nun, dass das Ende da ist. Wir brauchten über eine Stunde, um von der Nebenstraße auf die Hauptstraße zu kommen und dort eine Lücke zu finden. Ich erinnere mich noch: Eine wilde Flucht in Richtung Lauenburg. Die Militärfahrzeuge führen in rasender Geschwindigkeit in Doppelreihe. Dazwischen Treckwagen. Es war alles tiefverschneit. Die Fahrbahn war aber schneefrei (wahrscheinlich durch Einsatz von Schneeräumtrupps und Schneepflügen), aber stark vereist. Auf der rechten Seite (Pogorzelice?) vor einem Gutshof war ein Panzerbataillon angetreten (mindestens 500 Mann in schwarzen Panzeruniformen zählte ich), der Kommandeur hielt eine Ansprache vor 3 Särgen, wahrscheinlich Opfer der ständig angreifenden Tiefflieger... Außer mir achtete niemand darauf. Nur fort, fort.... Alles war furchtbar apathisch, vor allem auch das Militär, keine Befehle, keine Ordnung, nur rette sich, wer kann.

Als wir am 9. März kurz vor Dunkelheit in das Dorf Bresin kamen, feuerte ein MG-Nest auf einem Feld etwa 100 m von der Straße ununterbrochen aus einem schweren MG. Irgend jemand rief den Soldaten zu, was das zu bedeuten hätte. Einer von den beiden winkte uns mit einer Schnapsflasche in der Hand zu: "Keine Angst, Leute, wird üben nur....". Man war beruhigt. Ich aber sagte: "Sie üben mit scharfer Munition, das darf doch gar nicht sein, und wozu jetzt noch üben...." Aber Oma: "Ach das verstehst du nicht, da bist zu klein." Wie sich herausstellte, war ich der Einzige, der die Lage richtig erfasst hatte: Man legte bereits den berühmten Feuergürtel (ununterbrochenes zielloses Abschießen von MG-Munition in einem Bereich, so dass Infanterie und Pferde nicht durchkommen, nur Panzer). Die Russen standen also schon 2 km hinter uns, sie kamen in Massen mit Pferden, daher war der Feuergürtel militärisch sinnvoll. Die am anderen Tag durchbrechenden 3 Panzer wurden von unseren letzten drei Soldaten abgeschossen (ein Mann = ein TU 34 bzw. Sherman), die uns auch rieten, nicht mehr weiter zu ziehen. Zu spät. Ihr werdet vernichtet, die Russen schießen auf alles, was sich bewegt... Die 3 Panzer vor Bresin brannten immer noch, als wir am 11.3. vormittags auf dem Rückweg an ihnen vorbeizogen, was mich zu der erstaunlichen Erkenntnis brachte: Eisen brennt.... Ich habe es lange geglaubt.

Am 10. März 1945 holten uns die Russen in Bresin ein. Dazu hier nichts, später mehr.

Zum Rückweg: Der Rückweg wurde ausschließlich von Oma und Josef Durawa, die jeden Weg kannten, bestimmt. Unser Prinzip war: - Hauptstrecken soweit wie möglich meiden, möglichst Nebenstraßen befahren. - Nach unseren schrecklichen Erfahrung vom 11. 3. im brennenden Lauenburg: auf keinen Fall durch Bütow fahren. In Lauenburg sollte u.a. unser Jüngster (Heinz, 3 Jahre) vor den Augen seiner Mutter erschossen werden. Im letzten Moment kam es nicht dazu. Wir glaubten, in Bütow wäre es ebenso. Das erwies sich als ein Irrtum. Bütow war an dem Tag völlig russenfrei. Da Oma aus Gustkow stammte, führte sie uns von Pomeiske über Waldwege. Eines hatten sie aber nicht berücksichtigt: Nach dem vielen Schnee setzte gerade Tauwetter ein, die Wege waren total verschlammt, durch Panzer und schwere Militärfahrzeuge aufgewühlt. Unsere schwachen Pferdchen schafften es nicht, unsere schweren Wagen zu ziehen, wir kamen mit mehr Ladung nach Hause als wir abgefahren waren (1 Zentner Zucker!). Wir brauchten manchmal stundenlang, um von der Stelle zu kommen. In den Dörfern keine Menschenseele, ... nur ab und zu Leichen.

Auf der Strecke von Pomeiske bis Damerkow haben wir keinen Menschen angetroffen. Dort am Bahnwärterhäuschen plötzlich ein Russe mit langem Gewehr, der Pelzens Wagen, den kleineren, ein ganze Stunde durchsuchte, unseren großen aber überhaupt nicht anschaute, - komisch geht es im Krieg zu und unberechenbar ... Wir waren bloß noch mit Pelzens zusammen. Bei einer Milizkontrolle in Pomeiske durften Durawas als Kaschuben weiterfahren, wir aber nicht. Wir wurden auf einen Sammelplatz dirigiert und durchsucht. Dort mußten wir die Nacht verbringen. Aber: zum ersten Mal völlig unbehelligt von Russen. Die Polen nahmen niemanden etwas ab, obwohl wir noch Wertsachen hatten. Ich glaube auch, sie hielten uns die Nacht fest, weil sie uns vor den Russen schützen wollten. Diese Wirkung hatte das jedenfalls ... Auch das sollte man berücksichtigen.... Noch eine Episode: vor Pomeiske steckte wir wieder mal mit unseren großen Wagen einen halben Meter im Schlamm und kamen nicht vorwärts und nicht zurück. Dann half nur zupacken... Aber die Frauen und wir Kinder schafften es nicht... Von Bütow aus kam uns eine Gruppe Männer entgegen, die alle die Trikolore trugen, also befreite französische Kriegsgefangene waren. Oma bat den Anführer, einen baumlangen Kerl, uns zu helfen. In perfektem Deutsch brüllte er: "Das könnte Euch so passen; verrecken sollt ihr Deutschen!". Keiner half den Frauen und Kindern.

Am 2. Tag auf dem Rückweg hatten wir hinter Lauenburg folgendes erlebt: Die enge Straße war total vereist. Unsere Pferde rutschten aus. Unser Wagen schleuderte und stand quer über der Fahrbahn. Wir bemühten uns an den hinteren Rädern, den Wagen herumzusetzen auf dem Eis. Völlig vergeblich, zu schwer. Von vorn kam eine russische Panzerkolonne, in ziemlicher Fahrt und mit geschlossenen Luken (d.h. man erwartet Feindberührung, ist auf dem Weg an die Front, sonst muß man die Luken schon wegen Sauerstoff offen halten). Wir denken, jetzt walzen sie uns nieder. Die Kolonne stoppt, wartet. Wir bemühen uns weiter, vergeblich. Nach einer Zeit geht im 3. Panzer (ist gewöhnlich der Panzer des Kommandeurs) die Luke hoch, ebenso im 1. Der Soldat im 3. Panzer brüllt seine Leute im ersten an, was los wäre. Sie zeigen nur auf uns. Da springen 2 junge Kerle aus dem 3. Panzer, laufen zu unserem Wagen, jeder fasst ein Hinterrad, und sie setzen unseren Wagen zur Seite. Ehe wir uns von unserem Erstaunen erholen, sind die Burschen schon wieder im Panzer, die Luken gehen zu, und ab geht die Fahrt, bei ihnen.... und bei uns. Das hat es auch gegeben!! Die Russen hätten uns einfach rammen können, dann wären sie auch durchgekommen ... Für mich sind das die eigentlichen Helden. Leider sieht man immer nur die schwarze Seite....

Aber alles das und anderes in meinem Bericht, der eigentlich ein ganzes Buch werden soll ....

Dresden, im Januar 1999 gez. Karl Radde


Links

Iron burns: Radde's Flight Route: This report in English
Ich war erst zehn: Der vollständige Bericht von Karl Radde in Russisch
Vertreibung aus Groß Tuchen: Berichte von Augenzeugen (in Deutsch)
Groß Tuchen: - ein Dorf in Hinterpommern